Unterwegs

Wo einst das schillernde Leben pulsierte – Die „Schlägel und Eisen Siedlung“

Es war ruhig. Vereinzelte Vögel zwitscherten am Nachmittag ihr Liedchen und die Frühlingssonne kündigte den herannahenden Sommer an. Ich fühlte mich klein, kleiner als ich sowieso schon bin. Ein Gefühl von Faszination und auch irgendwie Traurigkeit durchströmte meinen Körper. Hier hat es einst pulsiert, das schillernde Leben des Ruhrpotts. Als ich meiner Fantasie freien Lauf ließ, konnte ich sie sehen, die Menschen, deren Lebensmittelpunkt dieses Viertel war. Einst hallte Lachen durch die Hausflure, die Schritte kleiner Kinderfüße belebten die Luft. Und auch Tiere belebten diese Schlägel und Eisen Siedlung und machten sie so lebens- und liebenswert. Alles was davon übrig geblieben ist, ist die Erinnerung in den Köpfen der ehemaligen Bewohner.

Ich bin keiner von ihnen. Auch wenn meine Familie väterlicherseits aus dem Ruhrpott stammt und dieser eine ganz besondere Faszination auf mich ausübt, war ich noch nie zuvor da gewesen. Unser Besuch ereignete sich an einem schönen Tag im Frühling. Da wir für ein Wochenende im Ruhrpott waren und ich schon viel über diese Schlägel und Eisen Siedlung gelesen hatte, wollten wir sie gerne besuchen.

Gegen den „Lost Place Tourismus“

Die Schlägel und Eisen Siedlung war nicht schwer zu finden, da sie sich optisch sehr stark von den üblichen Häusern abhebt. Sie grenzt genau an andere Häuser, Autos fahren vorbei, Fußgänger spazieren an ihr entlang. Alles so als wäre diese Siedlung das Normalste von der Welt. Wir stellten unser Auto ab und schlenderten vielleicht auffällig unauffällig in ihre Richtung. Ein Mann kam in unsere Richtung. Er musterte uns und unser fremdes Kennzeichen und sagte mit grimmigen Unterton: „Damals….damals hättet ihr alle mal herkommen müssen! Da war hier alles voller Leben! Jetzt wo hier nix mehr ist, kommt ihr alle!“. Wir kamen ins Gespräch und sein Ton wurde freundlicher. Er erzählte uns davon, wie es früher war. Wie Ziegen und Hühner auf dem großen Platz der Siedlung frei herum liefen und alle glücklich waren. Wenige Minuten später sollten sich diese Szenen vor meinem geistigen Auge in schillernden Farben abspielen. Der Spaziergänger schwelgte noch ein wenig in Erinnerungen, da er selbst dort gewohnt hat, bis wir schließlich unseren Weg fortsetzten.

Unser Gespräch mit ihm hatte für uns den Vorteil, dass wir wussten, wie wir in die Siedlung kommen. Nach außen hin sah man nämlich nicht unbedingt einen Eingang, daher waren wir über den Tipp dankbar. Im Innenhof angekommen hatte es mir erst einmal die Sprache verschlagen.

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Überraschung im Inneren

Der Innenhof der Schlägel und Eisen Siedlung ist größer, als ich gedacht habe. Er ist meiner Einschätzung nach nur durch die Häuser erreichbar. Eine Art „öffentlichen Zugang“ habe ich nicht gesehen. Vielleicht gibt es einen, der aber bereits zugewachsen ist oder ich habe ihn nicht wahrgenommen. Dadurch, dass der Innenhof nach allen Seiten geschlossen ist, wirkte es auf eine Art beengend, aber eine andere Art schützend auf mich.

Ursprünglich für die Belegschaft einer nahe gelegenen Zeche stirbt die Siedlung nun seit 15 Jahren vor sich hin. 2013 verließen die letzten beiden Mieter ihre Wohnungen. Für mich schon fast unvorstellbar, wenn ich mir die Siedlung anschaue. Irgendwie kann ich es aber auch nachvollziehen, wenn ich mir vorstelle, wie schön es einst da gewesen sein muss. Die beiden letzten Mieter taten sich sicher schwer von den guten alten Zeiten loszulassen. Den Zusammenhalt unter allen Bewohnern lobte unser Gesprächspartner aus vollstem Herzen und mit traurigem Ton in der Stimme. „Das findeste heute net mehr“, sagte er noch.

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Ich hätte wohl einiges dafür gegeben, wenn ich in diesem Moment eine Zeitreise hätte machen und mir ansehen können, wie es dort damals war. Damals, als man das Lachen von Kindern hörte und sich die Erwachsenen an der Geselligkeit erfreuten. Leider erfüllte sich dieser Wunsch natürlich nicht und ich musste meiner Fantasie freien Lauf lassen. Wir schlenderten Umher und wagten den ein oder anderen Blick in die Häuser. Gefunden haben wir nichts. Und Unerklärliches haben wir auch weder gesehen noch gehört denn…

In der Schlägel und Eisen Siedlung soll es spuken!

In lokalen Medien wurde diese Siedlung beispielsweise „der gruseligste Ort des Ruhrgebiets“ oder „Geistersiedlung“ genannt. Seit 2012 ist die Siedlung auf einem berühmten Deutschen Portal für „mysteriöse Themen“ Gesprächsthema, was sicher ein Grund für die zahlreichen Besuche selbsternannter Geisterjäger ist. Wir haben die Siedlung nicht aus diesem Grund aufgesucht, sondern aus Interesse an verlassenen Orten und meiner Liebe zum Ruhrpott und seiner Geschichte.

Wir haben in den ca. 2 Stunden, die wir dort waren, nichts Auffälliges bemerkt. Ein seltsames Gefühl machte sich aber trotzdem in mir bemerkbar. Es war aber eher ein Gefühl von Trauer und Melancholie. Traurig macht mich, dass die Siedlung langsam verfällt, genau wie meiner Meinung nach der Ruhrpott an sich. Vorbei die Zeit der Zechen und Bergmänner. Männer, die mit harter ehrlicher Arbeit ihre Familien ernährten und stolz auf das waren, was sie leisten. Die mit schmutzigen Händen sauberes Geld nach Hause brachten. Ich könnte ewig vom Ruhrpott schwärmen, das soll hier aber nicht das Thema sein. Der Verfall der Siedlung machte mich beim Besuch traurig. Aber Übernatürliches haben wir nicht feststellen können.

In einigen Berichten in Internet lässt sich aber nachlesen, dass in der Schlägel und Eisen Siedlung 2014 eine Leiche gefunden wurde. Es soll sich dabei um einen ehemaligen Bewohner handeln. 

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Neues Leben für die ehemalige Zechensiedlung?

Sowohl die selbst ernannten Geisterjäger als auch Leute wie wir, die sich gerne verlassene Gebäude ansehen sind den Anwohnern und auch Bürgermeister und Co. nicht unentdeckt geblieben. Ihre Zahl wächst spätestens seit dem Gerücht um übersinnliche Vorkommnisse stetig an und ist auch mit dem ein oder anderen Problem behaftet. Oft wird sich dort gewaltsam Zugang verschafft (wir sind durch eine geöffnete Tür, die uns der Anwohner verraten hat, hereingekommen) und es werden zum Beispiel Fenster zerschlagen. Die größte Sorge gilt wohl spielenden Kindern und allgemein der Gefahr, die dort auch droht. Es liegen überall Scherben herum und die Verletzungsgefahr ist groß.

In den letzten Monaten häufen sich im Internet die Berichte lokaler Medien, dass ein Investor gefunden sei und die Siedlung schon bald zu neuem Leben erwachen könne. Die aktuellste Nachricht, die ich gefunden habe ist von Januar 2018 und beinhaltet, dass dieser Investor insolvent ist. Also aus der Traum von neuem Leben dort.

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Ich denke, es wird sich in der nächsten Zeit auf jeden Fall irgendetwas tun. Ob es jetzt Abriss ist oder ein wieder neuer Besitzer. Die Anwohner fordern mehr Anwesenheit der Polizei und es stellt schlicht und einfach eine Gefahr für spielende Kinder und die Menschen da, die die Siedlung unbedingt einmal von innen sehen wollen *räusper*. Froh bin ich, dass ich sie als Fan des Ruhrpotts wenigstens ein Mal gesehen habe. Auf meiner To-do-Liste steht nun ein weiterer Punkt: „Alte Infos suchen“. Vielleicht finde ich in den Weiten des world wide web ja alte Fotos oder sogar Menschen, die dort gewohnt haben. Schade um das Stück Ruhrpottgeschichte.

Glück auf!

Dani

Noch etwas am Rande: Wer sich jetzt dazu motiviert fühlt die Siedlung aufzusuchen, tut dies auf eigene Gefahr! Ich rate hier niemandem dazu, im Gegenteil, ich rate davon ab! Ich rufe hiermit nicht dazu auf dort hinzugehen und übernehme keine Verantwortung, falls etwas passiert oder ihr in einem blau-silbernen Auto den Ort verlasst 🙂 Jeder ist für sich selbst verantwortlich und mein Bericht ist KEIN AUSFLUGSTIPP 🙂

 

2 Comments

  1. Hildegard Ticak

    11. Juni 2018 at 17:27

    Ich komme aus dem Ruhrpot Marl/Recklinghausen.Es gibt einige Verlassene& leider auch vergessene Ecken .Bei uns sah es damals fast so aus,wie in deinem Bericht.Nur das alles bewohnt war.Ich hatte eine herrliche Kindheit und habe nun Heimweh.Obwohl es am Rhein sehr schön ist, aber „Pot „bleibt Heimat 🙂

    1. DanivomDach

      14. Juni 2018 at 20:01

      Ich bin auch sehr gerne da 🙂 Ist schon schade, dass alles nicht mehr so ist, wie ich es aus Erzählungen höre. Der Pott ist einfach einmalig!

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