Leben (er)leben

Warum das Leben manchmal unfair ist und jeder Tierbesitzer diese Entscheidung fürchtet

Es war ein sonniger Tag. Mein Bruder und ich fanden uns in einem Garten in der Nähe von Daun wieder. 4 Augen sahen durch den Kaninchendraht direkt in unser Herz. „Bonny“ und „Hermann“, wie die beiden Kaninchen später heißen sollten, suchten ein neues Zuhause. Angeschafft, weil die lieben Kleinen unbedingt Haustiere haben wollten und nun abgestellt in der hintersten Ecke des Gartens verzauberten sie uns direkt. Schnell war uns klar, dass wir ihnen ein neues Zuhause schenken wollen. Vielmehr mein Bruder, ich hatte in meiner zu der Zeit sehr kleinen Wohnung keine Möglichkeit Tiere zu halten. 

Sie eroberten die Herzen der Familie im Sturm. Mama Bonny, die eindeutig die Chefin war und der kleine plüschige Hermann mit den kurzen Löffeln. Deshalb wurde er von uns auch liebevoll „Kurzohr“ genannt. Die Beiden lebten sich ein und genossen es von meinem Bruder eine reichhaltige Speisekarte und Zuwendung geboten zu bekommen.

Krallen schneiden war immer schon meine Aufgabe. Da ich selbst einige Jahre lang Kaninchen beherbergte, habe ich Übung darin. Eines Tages war es wieder so weit. 8 Pfoten sollten die Krallen gekürzt bekommen. Als Bonny an der Reihe war, fiel mir auf, dass eines ihrer Augen „größer“ war als das andere. Wir suchten dann einen Tierarzt auf, der leider nicht über ein Ultraschallgerät verfügte. Er beruhigte uns aber und sagte, dass es bei so einem jungen Kaninchen wohl kaum Krebs sein könne.

Wir suchten eine andere Praxis. Man sagte uns, entweder sei es ein Tumor oder etwas Anderes, was das Auge nach außen drückt. Wenige Minuten später hatten wir dann die traurige Gewissheit. Die kleine Bonny hatte in ihrem jungen Alter von ca. 1,5 Jahren einen Tumor hinter dem Auge. Auge und Tumor mussten entfernt werden. Ich war am Boden zerstört und konnte mir nur schwer vorstellen, dass sie noch ein schönes Leben haben könnte mit nur einem Auge. Aber ich hatte mich gründlich geirrt. Sie war genauso lebenslustig und frech wie vorher. Und ich war so happy, dass sie es scheinbar geschafft hatte.

Wenige Wochen später lag sie morgens einfach tot im Hasenzimmer. Die Tierärztin und auch wir vermuten, dass der Tumor bereits gestreut hatte und irgendetwas unerkannt blieb. Nun war der kleine Hermann alleine. Wenig später versuchten wir ihn mit anderen Kaninchen zusammen zu bringen, was leider nicht funktionierte. Unsere Bemühungen wurden von einer schrecklichen Entdeckung unterbrochen.

Mir fiel in seiner Halsgegend eine Art „Knubbel“ auf. Beim Tierarzt sagte man uns dann, es sei ein eitriger Abszess. Dieser wurde dann beim ersten Tierarzt weggeschnitten. Meiner Meinung nach war die OP und auch die gesamte Behandlung alles andere als professionell, weshalb wir dann wechselten. Da die erste OP absolut stümperhaft gemacht wurde, musste Hermann noch einmal operiert werden. Danach hatte er einen offenen Kanal in den Mundraum, der mindestens 3 Mal am Tag gespült werden musste. Da das aus meiner Familie niemand kann, zog der Kleine für 3 Wochen bei mir ein. Er war alles andere als leicht zu behandeln, aber irgendwie haben wir es immer wieder geschafft. Und irgendwann war die Wunde zur Zufriedenheit der Ärztinnen verheilt und wir waren guter Dinge.

 

„Die ganze Welt wird dein Feind sein, Fürst mit tausendfachen Feinden. Und wann immer sie dich fangen, werden sie dich töten. Aber erst müssen sie dich fangen, Gräber, Lauscher, Fürst der schnellen Warnung. Sei schlau und voller List, und dein Volk wird nie vernichtet werden.“

Aus „Watership Down“

 

Aber die Freude war nur von kurzer Dauer. Nur 2 Monate später entdeckte ich den nächsten Abszess. Man sagte uns vorher schon, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder kommen würde, aber das will man ja im Moment der Zuversicht nicht hören. Der neue und noch kleine Abszess wurde entleert und Hermann bekam Antibiotika. Ich weiß schon gar nicht mehr genau, wie oft diese Prozedur gemacht wurde. Jedes Mal mit der Hoffnung, dass die Bakterien von einem der verschiedenen Antibiotika-Sorten vernichtet werden und alles wieder gut werden würde.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, in dem man uns sagte, dass es ein Kampf wäre, den wir nicht gewinnen werden. Kein Antibiotikum konnte helfen und der Kiefer war bereits aufgetrieben/vergrößert und nicht mehr so stabil, wie er einmal war. Hermanns Speiseplan ändere sich nun in nicht mehr ganz so feste Kost. Zwischendurch wurden immer mal die Zahnspitzen entfernt und die Zähne gekürzt. Aber alles nützte nichts.

Das Wort „Einschläfern“ löste dann in meinem Bruder ein ganz schlimmes Gefühl aus. Hermann war wie ein kleiner Hund, der ihn begrüßte, wenn er ins Hasenzimmer kam und der sich mit ihm auf die Couch legte zum TV schauen. Ob er auch so gerne South Park sah wie mein Bruder bleibt bis heute sein Geheimnis. Er war jedenfalls ein besonderes Kaninchen. Einschläfern? Ihm sein Leben nehmen? Die Frage, die sicher jeder Tierbesitzer scheut. Gibt es nicht doch Hoffnung? Irgendwie? Vielleicht noch einmal eine OP?

Nach ausreichendem Überlegen entschied die Familie dann, ihn gehen zu lassen. Die Tierärztinnen sagten, dass es sein muss, wenn er an Gewicht verliert. Und das hatte er mittlerweile auch. Die Abszesse forderten mehr Energie, als der Kleine zu sich nehmen konnte und wir entschieden uns zu dem gewissen Schritt.

Der letzte Tierarztbesuch

Gestern war er dann, der letzte Tierarztbesuch. Mir war egal, welche Tierärztin mit dieser schweren Bürde beauftragt werden würde. Sie kennen mittlerweile alle Hermann und jede von den 7 oder 8 hatte ihn schon behandelt. Sie erklärte mir alles ruhig und dann bekam er die erste von zwei Spritzen. Ich fragte mich in dem Moment, ob er wohl weiß, was gerade passiert. Und, ob er froh darüber wäre, dass die Schmerzen nun endlich ein Ende hätten. Wenig später folge dann die zweite Spritze. Mit den Worten „Hermann ist jetzt im Hasenhimmel“ bestätigte mir die Tierärztin dann wenig später, dass Hermanns kleines Herz aufgehört hat zu schlagen. Eine schöne Zeit mit einem ganz besonderen Kaninchen fand ihr viel zu schnelles Ende.

Übrig bleiben viele Erinnerungen. Hermann war oft mein Modell, weil er einfach besonders war und einen tollen Charakter hatte. Einige lustige Fotos habe ich mit ihm gemacht und wir haben oft über seine Eigenarten gelacht. Geplant war auch eine neue Partnerin für Hermann zu finden, wenn die Behandlung abgeschlossen sei. Leider ist es nicht mehr so weit gekommen. 

Es fühlt sich machtlos und ohnmächtig an, wenn man alles gibt und schafft es trotzdem nicht dem kleinen Kaninchen das Leben zu retten. Die Ärztinnen haben gesagt, dass das Problem Hermanns klein gezüchteter Kopf war. Scheinbar war er eine extra klein und putzig gezüchtete Rasse, die sich durch den kleinen gedrungenen Kopf auszeichnet. Da sind Zahnfehlstellungen quasi vorprogrammiert. Und durch schiefe und falsch gewachsene Zähne entstehen schnell Abszesse.

Im Nachhinein weiß ich auch nicht, wie die Vorbesitzer ihn gefüttert haben und wie alt er wirklich war. Nachweise gibt es ja keine. Bonny war zum Zeitpunkt der Übernahme angeblich 1,5 Jahre und Hermann 8 Monate.

Lieber öfter zum Tierarzt

Was bleibt sind Schmerz, Trauer und mehr oder weniger schlaue Ratschläge. Ich kann jedem Kaninchenbesitzer nur raten, regelmäßig zum Tierarzt zu gehen und die Zähne checken zu lassen. Wir hatten die ganzen Jahre mit unseren Kaninchen nie Probleme damit, es war aber auch noch nie so ein kleines Kaninchen dabei. Also lieber die paar Euro investieren, wenn erst einmal ein Abszess da ist, ist es schon zu spät und der Ärger geht los. 

Mach’s gut kleines Kurzohr

Nun sitze ich hier und Tränen laufen mir die Wange hinunter. Gestern begleitete ich ihn bei seinen letzten Herzschlägen und habe nach wie vor ein schlechtes Gewissen. Ich wusste nicht, dass diese sehr kleinen Kaninchen so schnell Probleme mit den Zähnen haben, sonst wäre ich natürlich zum Tierarzt gegangen. Ob das dann noch etwas gebracht hätte oder ob er schon beginnende Probleme bei der Übernahme hatte weiß ich nicht. Aber ich bin auch erleichtert, dass er jetzt keine Schmerzen mehr hat und da wo er jetzt ist sicherlich seine Mama Bonny wieder sieht. Wir haben über Monate alles gegeben und leider doch verloren. Es tut mir so Leid. Wir werden dich niemals vergessen kleines Kurzohr…

Dani

2 Comments

  1. Yvonne Hastrich

    4. August 2018 at 00:39

    Jetzt haben wir uns eben gesehen und ich hab vergessen dir zu sagen wie leid mir das tut😕. Ich hätte auch mal ein Kaninchen „Leo“ mit ihm hab ich genau den gleichen Mit erlebt…

    1. DanivomDach

      4. August 2018 at 07:24

      Huhu! Auch so Probleme mit den Zähnen? Ich hätte nie gedacht, dass das so schlimm werden kann bei den kleinen Langohren 🙁

Leave a Reply